Was Ärger über uns verraten kann

Ein ganz normaler Samstag

Am letzten Samstag habe ich eine Bierdose durch den Supermarkt geschleudert. Na ja, zumindest fast.

Was war passiert? Ich stehe an der Selbstbedienungskasse, in der Hand eine Dose alkoholfreies Bier. 0,0%. Auf dem Display: Alterskontrolle. Ich warte und warte. Und dann warte ich noch ein bisschen länger. Eine gefühlte Ewigkeit, bis endlich jemand kommt, der mir bestätigt, dass ich tatsächlich alt genug bin für ein Getränk, das laut Definition gar keinen Alkohol enthält.

Beim Warten und Umschauen entsteht plötzlich ein anderes Bild in meinem Kopf: Ich habe die Dose Bier in der Hand, spüre ihr befriedigendes Gewicht zwischen den Fingern, bevor ich weit, weit aushole und die Dose einmal quer über die Kassen werfe. So richtig mit Schmackes und anschließender Bierfontäne. Spätestens hier sind wir natürlich richtig im Reich der Fantasie – ich konnte schon in der Schule ziemlich schlecht werfen. Aber wie unglaublich plastisch und ja, leider, ich geb’s zu, auch befriedigend sich diese Vorstellung anfühlte, hat mich selbst überrascht. 

Mein erster Gedanke danach war: „Ich bin gerade einfach gestresst durch so viele Dinge, deshalb regt mich das so auf. Ich muss mal schauen, wie ich wieder runterkomme.“ In Gedanken gehe ich schon mein Toolkit für Stressabbau und mehr Gelassenheit durch. Denn das war leider nicht der einzige Moment dieser Art. Am Abend vorher wollte ich in einem Dokument nur eine „2.“ tippen, ausgerechnet am Zeilenanfang. Böser Fehler, denn natürlich ist gleich die Autoformatierung angesprungen, hat fleißig durchnummeriert und aus der 2 eine 1 gemacht. Musste ich mühsam zurückbauen, und auch das regt mich immer auf. 

Werte statt Gelassenheit

Sobald mir das einfiel, konnte ich plötzlich das dahinterliegende Muster erkennen: Etwas, das eigentlich vereinfachen soll – eine Alterskontrolle zum Schutz, eine automatische Formatierung zur Ordnung –, springt vorschnell an. Leider liefert das eben nicht die versprochene Hilfe, es entstehen einfach nur mehr Aufwand und mehr Frust. Und plötzlich war sie da, diese zuerst kleine, dann immer stärkere Gewissheit. Vielleicht muss ich gar nicht an MIR arbeiten, damit mich das nicht mehr nervt. Vielleicht ist mein Ärger einfach … gerechtfertigt. Schließlich gibt es auch andere Situationen, beim Stau zum Beispiel. Der juckt mich gar nicht, da kann ich sitzen und sitzen. Das Lied im Radio mitsingen, die Landschaft bestaunen, vielleicht sogar meditieren.

Aber eine unnötige Wartezeit für etwas, das so offensichtlich keinen Sinn ergibt? Dass man vielleicht anders lösen könnte, wenn man einfach noch ein bisschen länger drüber nachdenkt? Das treibt meinen Blutdruck eben doch in die Höhe. Dieser Ärger sagt etwas über mich – meine Werte, über das, was mir wichtig ist – und nicht darüber, dass ich gelassener werden müsste oder gerade zu gestresst bin.

Für mich sind Rücksicht auf andere und ihre Zeit, umsichtige Arbeit und das Berücksichtigen aller Perspektive wichtige Maßstäbe, empfinde ich sie als verletzt, rege ich mich auf. Das ist zunächst einmal völlig unabhängig davon, ob ich in der konkreten Situation etwas ändern kann oder nicht. Werte sind nicht immer bequem, sie lösen oft starke Emotionen in uns aus. Doch gleichzeitig machen sie uns so einzigartig und unser Leben besonders.

Beim Recherchieren für diesen Blogbeitrag bin ich übrigens noch über etwas gestolpert, nämlich über die Tatsache, dass 0,0%-Bier rechtlich gar nicht als Alkohol gilt – es dürfte theoretisch sogar an Minderjährige verkauft werden. Die Alterskontrolle ist vermutlich eine reine Vorsichtsmaßnahme der Supermärkte, und es gibt eine Überlegung dahinter, die ich durchaus nachvollziehen kann: Will man Jugendliche wirklich schon früh an den Biergeschmack gewöhnen? Ein sehr valider Punkt.

Und trotzdem – in dem Moment an der Kasse hat’s mich einfach nur genervt.

Beides darf stimmen.

(Auch wenn ich am Tag danach immer noch glaube, dass es eine bessere Möglichkeit geben muss, an den Jugendschutz zu denken UND Erwachsene ohne Wartezeit ihr alkoholfreies Bier bezahlen zu lassen. Aber das ist vermutlich eine andere Geschichte …)

Neue Erkenntnisse

Bleibt für mich als Coach – und dann auch noch mit dem Schwerpunkt Positive Psychologie! – nur noch eine Frage: Wie gehe ich jetzt „sinnvoll“ mit dem Ärger um? Tja. Vielleicht einfach so: Ich atme tief durch, recherchiere die Hintergründe und schreibe einen Blogpost. Darüber, dass wir nicht jedes negative Gefühl direkt angehen müssen, sondern ihm einfach auch mal zuhören dürfen. Vielleicht verraten sie uns dann etwas unerwartet Positives über uns selbst.

Wenn auch du mehr über deine Werte erfahren willst und wie du sie besser leben kannst, freue ich mich auf ein erstes Gespräch mit dir.

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Foto vom Supermarkt: Tara Clark auf Unsplash.

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