Die Stimme der Stille
„Und du sitzt da einfach rum und schweigst, damit ich dann was sagen muss!“ Das hat eine Klientin neulich gespielt-vorwurfsvoll zu mir gesagt, während einer Coaching-Stunde mit einigen seeehr langen Pausen. Sie hatte natürlich vollkommen recht, sie kennt das in unseren Sessions schon.
Die Macht des Schweigens
Schweigen ist für mich heute tatsächlich eins meiner wichtigsten Werkzeuge im Coaching. Nicht damit meine Klientin etwas sagen „muss“, sie soll nur einfach Platz bekommen für ihre leisen Stimmen. Die gehen im Alltag immer schnell unter, wir decken sie zu mit Geschäftigkeit und endlosen To-Do-Listen, die wir ja meist mit großer Leidenschaft pflegen. Verständlich, schließlich vermitteln sie uns ein Gefühl von Kontrolle und Orientierung – und das mögen wir Menschen tatsächlich besonders gern. Der Psychologe Klaus Grawe nennt das Kontrollbedürfnis sogar unser wichtigstes Grundbedürfnis überhaupt.
Doch wenn wir uns nicht mehr vom Gestresst-Sein ablenken lassen, können ganz andere Stimmen zu Wort kommen: diese leisen Stimmen, die Raum brauchen für ihre Wahrheit und die sich erst durchs Schweigen hervorlocken lassen. Und ich will hier nichts beschönigen, manchmal sind sie ganz schön schwer auszuhalten. Trotzdem ist es genau deshalb wichtig, sie nicht einfach wegzudrängen, sondern ihnen tatsächlich zuzuhören. Wir müssen also ein Stück weit unser Kontrollbedürfnis abgeben und uns auf sie einlassen, selbst wenn sie gerade unbequem sind. Kein Wunder also, wenn meine Klientin das – wenn auch spielerisch – als Painpoint für sich identifiziert.

Was ich über das Schweigen gelernt habe
Während meiner Coaching-Ausbildung damals fand ich eins jedenfalls am schwersten: Stille aushalten. Meinem Gegenüber den Raum lassen. Schweigen. Nichts sagen, nicht helfen, nichts lösen, nicht mal eine weitere kluge Frage nachschieben. Am liebsten hätte ich jede Pause gefüllt, mit einem Vorschlag, einem Gedanken, irgendwas.
Ich rede eben gern. Den Austausch mit meinen Mitmenschen finde ich schon ziemlich, ziemlich wunderbar. Da ist es mir sogar (fast) egal, ob das nur ein unbeschwerter Schnack oder ein tiefgreifendes Gespräch wie im Coaching ist. Großartig, was dabei passieren kann!
Stille wirkt dagegen auf uns oft genug schnell wie Stillstand. Als würde nichts passieren, als gäbe es keinen Fortschritt, kein Ergebnis. Bloß habe ich beim Üben der Stille gelernt, wie enorm sie dabei hilft, vom alltäglichen Gedankenkarussell abzuspringen. Plötzlich können wir uns selbst beim Denken zuhören. Erstaunlich, wie das funktioniert.
Nur zusammen sind wir stark
Und genau das ist vielleicht das Geheimnis: Austausch und Schweigen sind ohneeinander nicht halb so wirkungsvoll wie zusammen. Im Coaching muss ich beides gut im Gleichgewicht halten für meine Klientinnen. Denn tatsächlich können unsere leisen Stimmen manchmal auch etwas unerwartet Schönes sagen, nicht nur eine unbequeme Wahrheit ansprechen.
Meine Klientin hat jedenfalls nach einer dieser langen Pause selbst erkannt, wo der eigentliche Knackpunkt für sie lag und warum das keine Katastrophe bedeutet. Denn sie weiß jetzt auch, was sie als erstes dagegen tun kann.
Wenn du gemeinsam mit mir deine leisen Stimmen zu Wort kommen lassen willst, dann melde dich am besten hier.
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