Die Sache mit der Entscheidung

Was ich von meinem Vater gelernt habe

Fun fact: Ich lese immer den Nekrolog auf Wikipedia. Dafür verantwortlich ist eindeutig mein Vater, der hat nämlich jeden Morgen die Todesanzeigen in unserer Lokalzeitung gelesen. Etwas gruselig wird das Ganze vermutlich dadurch, dass er selbst recht jung gestorben ist, nämlich mit Anfang 50.

Bettina Steinhage sitzt auf einem Friedhof und denkt über die Richtung im Leben nach.

Und trotzdem lese ich den Nekrolog auf Wikipedia und habe gar kein schlechtes Gefühl dabei. Denn auch wenn es manchmal traurige Neuigkeiten gab, lachte mein Vater meist über sich, wenn er am Frühstückstisch mal wieder die Todesanzeigen studierte. Es war so etwas wie sein persönliches Memento Mori jeden Morgen, mit der Kaffeetasse noch in der Hand. Er sagte zudem gern: „Der ist auch schon tot“, wenn er beim Fernsehen einen berühmten, aber schon toten Schauspieler sah. Bis heute ist das so etwas wie ein geflügeltes Wort in unserer Familie – und wie mein Vater beim Lesen der Todesanzeigen lachen wir alle immer dabei.

Beides war Ausdruck seiner besonderen Haltung zum Tod. Kein bedrückendes „wir müssen alle sterben“, nichts in die Richtung, dass damit sowieso alles umsonst und nichtig ist, wie es uns die Totenköpfe auf Barockgemälden vor Augen führen wollen. Für meinen Vater ging es stattdessen um „aber jetzt lebe ich, juhu“ (okay, das „juhu“ ist von mir, er war nicht so frivol wie ich, was Sprache angeht). Er wollte sein Leben auskosten, im Bewusstsein behalten, dass jetzt seine Zeit ist und nicht irgendwann später.

Wie wir unserem Weg die richtige Richtung geben

Wenn du weißt, dass du sterben musst, es deinen Nachbarn und Nachbarinnen ebenso geht wie allen bekannten Persönlichkeiten, dann gibt es dir die Freiheit zu sagen: „Was möchte ich denn wirklich anstellen mit meinem wilden und kostbaren Leben?“*

Eine ziemlich erwachsene Freiheit, finde ich. Schließlich gehört dazu die Einsicht, dass ich mich entscheiden muss, und das bedeutet auch, dass ich andere Sachen und Anliegen ziehen lasse, die ich ebenfalls für wichtig halte. Manchmal kann das durchaus schmerzhaft sein. Aber es schärft den Blick und hilft mir, mich selbstbewusst zu entscheiden. Für die Dinge, bei denen ich wirklich das Gefühl habe, meine Zeit und meine Stärken zahlen darauf ein.

Heißt zwar nicht, dass du jeden Tag so leben sollst, als wäre es dein letzter – wie anstrengend wäre das denn, wir können nicht jede Spülmaschine mit einem erhabenen Gefühl ausräumen –, aber ab und zu darfst du dich schon fragen, ob dein Weg noch in die richtige Richtung geht. Und sie auch ändern, wenn es für dich nicht mehr passt.

Hat mein Vater übrigens auch getan: In meiner Kindheit hat er sich selbstständig gemacht und dafür den gutbezahlten Akademikerjob aufgegeben. Auf Dauer ging ihm der einfach zu sehr gegen seine Werte. Ihm war wichtig, dass er mit seinen Kunden auf Augenhöhe zusammenarbeiten konnte, und eine ehrliche Kalkulation gehörte für ihn dazu. Vielleicht hat ihn das den einen oder anderen Auftrag gekostet, wer weiß das schon. Was mein Vater dagegen sicher wusste: Mit dieser neuen Richtung für sein Leben konnte er nachts viel ruhiger schlafen.

Du fragst dich immer öfter, ob dein Weg noch in die richtige Richtung geht, selbst beim Kaffeetrinken, im Meeting oder wenn du die Spülmaschine ausräumst? Dann lass uns reden. Ein kostenloses Erstgespräch kannst du unverbindlich buchen.

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* Die Verfasserin des berühmten Zitats vom „one wild and precious life“, an das ich mich hier anlehne, die amerikanische Dichterin Mary Oliver, ist übrigens auch schon tot.

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